Selbstversuch: So hart ist der Job als Erntehelfer*in || PULS Reportage

Selbstversuch: So hart ist der Job als Erntehelfer*in || PULS Reportage



Ich bin echt vollkommen fertig. Das stresst meinen ganzen Körper und ich
schwitze wie ne Sau. Es ist verdammt turbo anstrengend! Die Leute, die machen das hier vier Wochen, sechs Wochen, acht Wochen am Stück. Ja, ich hab keinen Bock mehr! Ich hab keinen Bock mehr! Gibt es eigentlich irgendwelche Menschen,
die keine Erdbeeren mögen? Also, ich kenne niemanden! Aber wer macht sich schon Gedanken über die Ernte? Die erledigen nämlich in aller Regel bei
uns Saisonkräfte aus Osteuropa. Und das unter oft schlechten Bedingungen. Wie der Job wirklich aussieht und wer ihn
macht, das will ich wissen. Deshalb werde ich selbst zum Erntehelfer. Morgen geht's los und jetzt fahre ich zu dem Hof und schaue mir den an. War übrigens gar nicht so einfach einen
zu finden, weil die meisten wollen einen nicht drehen lassen. Das sagt ja auch schon mal was. Hallo, Sebastian Meinberg. Jörg Umberg, Hallo. Es wird tatsächlich auch jetzt noch am frühen Abend gearbeitet aufm Feld? Ja, wir sind jetzt gerade so in den zwei roten Wochen im Sommer. Jetzt sind die zwei Hauptwochen bei den Erdbeeren, deswegen haben wir momentan ziemlich lange Tage. Und so einen langen Tag werde ich morgen selbst miterleben. Bis zu zehn Tonnen Erdbeeren werden hier täglich geerntet. Trotz solcher Massen gibt es keine Erntemaschinen. Die Pflückerei ist immer noch harte Handarbeit. Deutsche wollen diesen Job schon lange nicht mehr machen. Aktuell wohnen jetzt hier wie viele Leute
auf dem Gelände? Aktuell so um die 120 Mitarbeiter und die
kommen aus vier verschiedenen Nationen. Können wir uns vielleicht mal so ein Appartement anschauen? Mal gucken! Hinten ist ja die Alina, da können wir mal
hingehen. Das hier ist ein Zwei-Bett-Zimmer. Hallo? Oh, Hallo! Hallo! Sebastian
Alina Alina ist 19 und studiert in der Ukraine Fremdsprachen. Sie ist seit sechs Tagen hier und darf maximal drei Monate bleiben und arbeiten. Können wir mal reinschauen? Klar! Danke! Für ihr Bett zahlt Alina zehn Euro pro Nacht
an den Hof. Ab dem zweiten Monat sind es dann noch fünf Euro – wer lange bleibt, wird belohnt. Wenn sie es denn bis dahin aushält. Das Zimmer ist ziemlich klein für zwei Leute. Finde ich eigentlich gar nicht. Für mich ist das hier eine tolle Herausforderung und ich bin glücklich darüber, hier zu sein. Es ist eine super Gelegenheit um neue Leute kennen zu lernen und schwierige Hürden zu meistern. Ich glaube, das wird eine tolle Erfahrung
für mich sein! Und: Alina kann hier an einem einzigen Tag
so viel verdienen, dass sie davon in der Ukraine einen ganzen Monat leben kann. Morgen ist mein erster Tag! Glaubst du es wird ein harter Tag für mich? Ich glaube der Anfang wird leicht. Aber am Ende des Tages kann es schon sein, dass dir dein Rücken weh tut. Okay. Es wird also ein harter Tag! Ich glaube ja. Aber du wirst mir helfen, oder? Klar! Leute, es ist fünf Uhr morgens, hier. Und das ist so gar nicht meine Zeit. Es wird auch warm, deswegen bin ich luftig
angezogen. Aber jetzt ist es arschkalt. Jetzt sind es zwölf Grad! Guten Morgen! Guten Morgen! Es ist ein bisschen frisch hier draußen. Ja, es ist ein bisschen kalt und es ist so
früh! Ja, sehr früh. Bisschen wie früher im Schulbus. Wo es genau hingeht und wie lange heute gearbeitet werden muss, weiß von den Erntehelfern niemand. Und ich ahne noch nicht, wie hart dieser Job tatsächlich werden wird. Dankeschön. Ok, ich glaub das Wichtigste hab ich schon
mal, zwei Kisten mit Schalen. Innerhalb von einer Stunde müssen wir diese zwei Kisten mit Erdbeeren gefällt haben. Okay, zwei Kisten in einer Stunde. Das ist normal. Joa, hört sich für mich erstmal machbar
an. Pro Stunde gibt's hier 9,19 Euro – den Mindestlohn. Und wer mega schnell ist, kann sich noch einen kleinen Bonus verdienen. Für mich geht's los mit einem Erdbeerpflück-Grundkurs. Ein Zentimeter. Ein Zentimeter Stil muss dran sein. Ja genau, das ist richtig. Alles ist hier auf Effizient getrimmt und
es gibt strenge Qualitätskriterien, auf die ich achten muss. Und das alles am besten schnell schnell und zack zack. Die ist zu hell. Die ist ein bisschen kaputt. Die sind alle zu klein. Das ist echt komplizierter als gedacht! Du musst natürlich gucken, dass die Erdbeeren nicht zu klein sind, dass sie nicht faul sind, der Stil muss mindestens einen Zentimeter
lang sein. Also im Moment fühl ich mich tatsächlich,
obwohl es so einfach aussieht, total überfordert. Ich habe es schon aus dem Augenwinkel gesehen: Alina ist ungefähr fünf Meter vor mir und hat schon mit ihrer zweiten Kiste angefangen. Ich hab hier nicht mal eine halbe Kiste voll. Jetzt wird hinter mir kontrolliert, ob er
da noch was findet. Jetzt haben wir sieben Uhr, eine halbe Kiste
ist ein bisschen zu wenig. Er braucht ein bisschen mehr Motivation! Auch wenn's freundlich klingt, der Druck ist
da. Das ist jetzt schon ein Unterschied. Ich hab nur sechs kleine Schalen geschafft. Was glaubst du, bekommst du heute den Bonus? Ich hoffe es! Alina hat in einer guten Stunde zwei Kisten
geschafft. Für die Bonuszahlung müssen es bis heute
Abend aber 18 Kisten sein. Das hat auf jeden Fall was von Akkordarbeit, weil du bekommst hier zwar deinen Stundenlohn, aber die wollen natürlich im Prinzip dafür
auch sehen, dass du in dem Fall jetzt hier zwei Kisten, also diese Kiste und die drunter, in einer Stunde vollmachst. Und mir werden sie wahrscheinlich morgen
oder übermorgen sagen, du musst mehr Gas geben. Weil das rechnet sich für die nicht. Nach zwei Stunden hab ich gerade mal eine Kiste voll – zu wenig. Wie viele Kisten jeder von uns schafft, wird
genau überwacht. Drei Kisten hätte ich schon schaffen müssen,
oder? Ja, bis zu diesem Moment zwei, zweieinhalb, zwei Komma drei. Also ich hab nicht mal die Hälfte von dem
geschafft, was ich hätte realistisch schaffen sollen. Also eines kann ich euch sagen: meine Erdbeeren, die sind wirklich handverlesen. Absolut! Also das ist Qualität. Ja super, aber genau das kostet halt richtig
Zeit! Für Suche und Beurteilung der Beeren brauche ich einfach viel zu lang. Wie findest du deinen Job bisher? Mir wurde schon erzählt, dass es ein wirklich
anstrengender Job ist. Aber man kann sich das erst dann richtig vorstellen,
wenn man es selber gemacht hat. Das stimmt! Soweit ich das jetzt hier beurteilen kann,
und das sagen ja auch die Anderen, läuft das hier in dem Betrieb hier alles ganz ok. Die Arbeit ist natürlich turbo anstrengend,
aber die Regeln werden eingehalten. Das ist aber nicht in jedem Betrieb so, also
auch in Deutschland nicht. Ein Gewerkschaftsbericht listet die typischen
Probleme auf. Trotz Mindestlohn werden die Leute oft nicht korrekt bezahlt. Manche bekommen einfach weniger ausgezahlt. Oder der Arbeitgeber berechnet überhöhte
Kosten für Unterkunft und Verpflegung. Alles Tricks um den Mindestlohn zu umgehen. Oft werden auch Pausenzeiten nicht eingehalten,
oder es wird Geld für die Arbeitsmaterialien abgezogen. Ich frage Alinas Chef, was er über solche
Methoden denkt. Man hört es teilweise in der Saison sogar,
weil wir da mitbekommen, jetzt aktuell zum Beispiel von den kirgisischen Studenten oder
den rumänischen Mitarbeitern: Ich habe Kollegen, die arbeiten gerade dort und dort
und dort gefällt es ihnen nicht. Können die nicht hier hinkommen? Ärgert Sie das, wenn andere versuchen zu
tricksen um die Kosten zu drücken? Natürlich ärgert einen das. Wir sind alle im gleichen Mark. Und da müssen die Leute auch gleich gut
behandelt werden. Und dann können wir uns fair über unser
Können definieren, über die Qualität unserer Früchte. Auch wenn Jörg Umberg seine Leute korrekt
bezahlt – für Alina ist dieser harte Job hier in den ersten Tagen sogar ein Minusgeschäft. Was sie mir erzählt, kann ich erst kaum
glauben. Daheim hat mir meine Mutter Geld gegeben,
um diesen Job machen zu können. Ich habe den Job über eine Agentur bekommen. Wie viel hast du dafür an die Agentur gezahlt? 375 Euro. Nur um hier arbeiten zu können? Das ist echt viel! Ja! Die ersten fünf Tage arbeitest du also nur,
um das Geld für die Agentur zu bezahlen? Fünf oder sechs Tage glaube ich. Eine Woche quasi umsonst arbeiten, weil Agenturen
die Erntehelfer auf dem Weg nach Deutschland abzocken? Und was weiß der Chef davon? Die Alina, mit der ich heute unterwegs bin,
hat mir genau das erzählt. Das waren so über 300 Euro sogar, die sie
an die Agentur zahlen musste für den Job hier. Inklusive Transport? Nein, der Transport kam noch extra. Wir haben dann über den Daumen gerechnet,
dass sie eigentlich 500 Euro investieren musste, um überhaupt hierher zu kommen. Müsste ich abklären. Also wir haben andere Informationen dazu. Das sind so Sachen, die müssen wir natürlich
auch mitbekommen diese Informationen, weil wenn ich das nicht weiß, dann kann ich nicht
einschreiten. Wir haben mit dieser Agentur zum zweiten Mal
zusammengearbeitet. Wir wollten mal eine andere Region testen,
die einen ganz guten Eindruck macht. Der Sache müsste ich nachgehen! Dann wäre es gut, wenn Sie dem nochmal nachgehen. Weil das hat mich dann etwas geschockt. Ja das schockt mich dann auch! Ich werde da später nochmal nachhaken. Auf dem Erdbeerfeld ist es mittlerweile noch
anstrengender: die Mittagssonne knallt ordentlich runter. Kiste Nummer drei! Und die nächste Kontrolle ist im Anmarsch. Bisschen Stil. Ah, zu viel Stilprobleme. Irgendwelche Probleme hab ich immer. Hier ist auch noch ein Stilproblem. Das meint er mit Stilproblem: wenn der Stil
zu lang ist. Perfekter Stil! Alina? Ich glaube wir haben jetzt Pause! Endlich! Ja! Wie fühlst du dich jetzt? Schlecht! Schlecht? Sehr schlecht! Aber jetzt hast du zwei Stunden Verschnaufpause! Ich komme mir ja mit meinem Gejammere wirklich
total schlecht vor, aber es ist verdammt turbo anstrengend! Und krass ist, die Leute, die machen das hier
vier Woche, sechs Wochen, acht Wochen am Stück, fast jeden Tag! Knapp sechs Stunden Feldarbeit liegen schon
hinter uns. Trotzdem ist erst in sieben Stunden Feierabend. Jetzt ist aber Pause! Alina kocht für sich und ihre Mitbewohnerin. Und dann heißt es nochmal: alles geben. Wir treffen uns um 14 Uhr wieder und dann
geht's zurück aufs Feld! Juhu! Woohoo! Ich hab jetzt auch kurz was gegessen in der
Mittagspause und mir Wasser besorgt, sonst stehe ich das den Nachmittag nicht durch. Das ist jetzt so die Arbeitsstunde – Pausen
sind schon abgezogen – sieben, die heute beginnt. Ich hab keinen Bock mehr. Ich hab keinen Bock mehr! Naja, ich möchte mich wenigstens nützlich
machen. Für den Bonus war Alina bis jetzt zu langsam. Vielleicht klappt es ja, wenn ich ihr ab jetzt
meine Boxen dazu gebe. Zehn volle Kisten fehlen noch – vielleicht
kann ich dir beim Pflücken helfen? Danke, das ist sehr nett von dir! Wir versuchen den Bonus zu bekommen – für dich! Danke! Los gehts! Packen wir es! Zehn, elf. Alina ist doppelt so schnell wie ich! Ich bin echt vollkommen fertig, ich kann gar nicht sagen warum. Ich glaube durch diese sehr ungewohnte Knie-Bück-Position. Das stresst meinen ganzen Körper und ich
schwitze wie 'ne Sau. Alina musste auch schon bei Regen auf's Feld. Da ist mir trotz Hitze das Wetter heute lieber. Hier gehört mal ordentlich Glyphosat drauf
gesprüht, ins Unkraut. Jetzt ist es viel besser! Ja, jetzt ist es viel besser. Der Rest ist ok. Gut! Zum Glück! Kiste zwölf, Kiste dreizehn, Kiste vierzehn. Vier fehlen noch! Das ist machbar. Was war denn bislang euer anstrengendster Ferien- oder Nebenjob? Schreibt das doch mal, falls ihr gerade Kraft habt, bitte in die Kommentare! Würde mich interessieren. Dieser Job ist knochenhart. Und trotzdem muss ihn jemand machen. Hast du den Eindruck, dass viele Leute diesen Job nicht genügend respektieren? Ja, vielleicht. Es ist ja nicht so, dass wir hier arbeiten, weil wir nicht schlau genug für andere Jobs sind. Es geht ums Geldverdienen und darum sich selbst herauszufordern. Eine Herausforderung ist es auf jeden Fall! Leute, ihr könnt euch sicher sein, wenn
ich jetzt in Zukunft Erdbeeren kaufe oder esse, ich werde verdammt großen Respekt
haben. Ich finde das ist Wahnsinn, was das für
ein Job ist. Das hat mich komplett fertig gemacht. Und der Tag ist ja noch nicht mal vorbei. Die Leute hier auf dem Hof werden glaub ich ganz gut behandelt. Hier werden die Regeln berücksichtigt. Es gibt den Mindestlohn und den Bonus – wenn wir jetzt noch vier, fünf Kisten schaffen. Also Luxus ist das alles nicht. Was ich aber noch schlimmer finde ist, dass auf dem Weg hier hin Leute wie Alina richtig krass ausgenutzt werden. Dass sie mehrere hundert Euro an ne Agentur zahlen muss, damit sie hier überhaupt arbeiten kann ist wirklich unverschämt! Das gehört verboten! Später erfahre ich: mit der Agentur, die
Alina so viel Geld abgeknöpft hat, will Chef Jörg Umberg nicht mehr zusammenarbeiten. Immerhin! Leider wird die Auswertung am nächsten Tag auch ergeben: Alina hat 16 volle Kisten geschafft. Für den Bonus ist das zu wenig. Ich war wohl keine große Hilfe. Leute, wir müssen das hier jetzt sein lassen. Also wir müssen hier jetzt noch weiter Kisten packen und ich kann eh schon nicht mehr. Also Schluss jetzt! Lasst uns doch freundlicher Weise einen Like da und ein Abo wäre auch nicht schlecht. Und wenn ihr euch für weiter Knochenjobs
interessiert: da geht's zur Reportage von der Ari über Hebammen. Hier unten gibt's ne Playlist mit lauter Selbstversuchen. Und ich sage jetzt: Danke Alina! Bitteschön! Schön.